Ich möchte hier gerne von einem der ursprünglichsten Schafe berichten, dem ungarischen Zackelschaf.

 

 

Wie der Name schon sagt handelt es sich um eine alte ungarische Schafrasse, die seit der Zeit der Landnahme Ende des 9. Jahrhunderts als Gefährtin der Ungarn gilt. Leider macht der Bestand heute nur noch fünf Prozent des Gesamtbestands in Ungarn aus. Das Zackelschaf ist daher eine geschützte Rasse.

 

Wikipedia lässt uns außerdem wissen, dass der stammesgeschichtliche Vorfahre des Zackelschafes der Urial ist, ein Wildschaf, dessen Domestizierung in Südwestasien erfolgte. Den archäologischen Forschungen von Sándor Bökönyi zufolge ist das Zackelschaf zur Zeit der Völkerwanderung im Karpatenbecken erschienen. Allerdings gibt es keine Daten darüber welche Volksgruppe die Art mit sich geführt haben soll. Linguistische Daten weisen darauf hin, dass die Vorfahren der Ungarn unter dem Begriff „Schaf“ (juh) ursprünglich nur die Zackelschafe verstanden.

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Soweit die Auszüge aus den Lehrbüchern und dem Internet, kommen wir zum wesentlichen: Zackelschafe sind ausgesprochen lebhafte Schafe. Ihr recht scheues Verhalten haben sie im Zuge der Jahre nicht verloren und scheinen es auch in der üblichen Koppelschafhaltung nicht völlig abzulegen. Sie sind ausgesprochen wachsam und immer ein klein wenig „auf der Flucht“. Natürlich gibt es ausgesprochen zutrauliche Exemplare, aber die sind mehr die Ausnahme als die Regel.

 

Nichtsdestotrotz, und es ist mir sehr wichtig das zu erwähnen, stellt die Haltung der Zackelschafe in normalem Knotengitter oder auch in handelsüblichen Elektronetzen überhaupt KEIN Problem dar. Völlig entgegen landläufiger Meinungen bleiben die Tiere mit ihren extravaganten Hörnern nicht im Netz oder im Zaun hängen. Ganz im Gegenteil, erwachsene Zackelschafe wissen offenbar sehr genau wo ihre Korkenzieher enden und wie man damit umzugehen hat. Auch geht von den Hörnern keine größere Verletzungsgefahr für den Menschen oder etwaige Herdengenossen aus. Zackelschafe sind vielmehr außergewöhnlich friedvolle Tiere. Regelrechte Pazifisten.

 

Apropos Hörner, diese müssen natürlich explizit erwähnt werden. V-förmig abstehende, gerade , korkenzieherartig gedrehte Hörner tragen beide Geschlechter. Die Hörner der Schafe werden meist so um die 30-40 cm lang, die der Böcke ungleich länger. 80 cm oder mehr sind keine Seltenheit. Ein älterer Bock ist somit mit dieser Art Kopfschmuck eine echt imposante Erscheinung. Die V-förmige Winkelung ist züchterisch sicher die größte Herausforderung. Zu weite Hörner sind ein Zuchtausschluss.

 

Es gibt den hellen und den dunklen Farbschlag. Die Lämmer des hellen Schlages werden rötlichbraun geboren und hellen im Vlies mit dem Alter immer mehr auf, etwa vergleichbar mit den Fuchsschafen. Die Tiere des dunklen Farbschlages werden tiefschwarz geboren, im Alter kann es zu gräulichen Stichelhaaren kommen, ähnlich der Heidschnucke. Die Wolle ist grob und völlig unwirtschaftlich. Die helle Farbe vererbt sich rezessiv, die dunkle dominant. Daher kann man aus zwei dunklen Tieren theoretisch helle Lämmer bekommen. Zwei helle Tiere bekommen hingegen auch immer helle Lämmer.

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Stichwort Lämmer. Zackelschafe gelten als mäßig fruchtbar. In der Regel bekommen die streng saisonalen Schafe im zeitigen Frühjahr nur ein Lamm. Um dieses kümmern sich die ausgesprochen fürsorglichen Mütter in einer Hingabe die ihresgleichen sucht. Die Lammung erfolgt fast immer völlig problemlos. Aber keine Regel ohne Ausnahmen. Zwillinge sind nicht so selten wie man vielleicht denken mag. Die hervorragende Milchleistung der Mütter sichert den Lämmern ein rasches Wachstum.

 

Der wirtschaftliche Nutzen bleibt dennoch eher im Hintergrund. Es wird bei extensiver Haltung kaum ein besseres Schlachtgewicht als maximal 15 Kilo mit einem halben Jahr am Haken erreicht. Das Fleisch mit seinem wildähnlichen Geschmack ist aber ausgesprochen delikat.

 

Die Fakten:

 

Schulterhöhe: Bock: 65 – 70 cm   Mutter: 60 – 65 cm
Gewicht:           Bock: 55 – 70 kg    Mutter: 40 – 50 kg

 

Gehörn: 2 lang gestreckte, korkenzieherartig gedrehte Hörner,
Bock: bis 80 cm lang Mutter: bis 40 cm lang

 

Farbe:
Es gibt 2 Farbvarianten: schwarz und weiß

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Und nun noch die persönlichen Erfahrungen.

 

Es sind einfach tolle Schafe. Ganz anders als die klassischen deutschen Landschafe, und auch nicht wirklich zu vergleichen mit den Briten. Seit 2008 halten und züchten wir nun diese urtümlichen Schafe und sind nach wie vor völlig begeistert. Ihr scheues Verhalten ist gewöhnungsbedürftig, aber durch ihr anmutiges und einnehmendes Wesen machen sie diesen Makel schnell wieder wett. Unsere Zackelschafe werden extrem extensiv gehalten, im Elektronetz auf wahlweise sehr feuchten oder sehr trockenen Wiesen. Ihre Anspruchslosigkeit macht sie zu perfekten Landschaftspflegern. Die Zucht ist spannend und im Hinblick auf ihr Zuchtziel nicht ganz einfach. Ganz wichtig wie bereits erwähnt die Hornstellung, aber man darf bei aller Wertschätzung der Hörner meines Erachtens auf keinen Fall den „Rahmen“ der Tiere vernachlässigen. Allzu kleine Zackelschafe in Skuddengröße dürfen und können nicht das Ziel sein. Eine äußere Erscheinung in der Gewichtsklasse der Heidschnucke sollte hier angestrebt sein.

 

Kai Haus